Therapiemöglichkeiten

Intramuskuläre Injektionen mit Botulinum-Neurotoxin (BoNT) sind die Behandlung erster Wahl für die meisten Patienten mit fokalen Dystonien. Weiterhin sind sie auch bei Spastik einsetzbar. Hierzu zählen etwa spastische Syndrome bei Erwachsenen und Kindern, beispielsweise bei Patienten mit Arm- oder Beinspastik nach Schlaganfall, spastischem Spitzfuss oder Zerebralparese.

Was ist Botulinum-Neurotoxin?
Botulinum-Neurotoxin (auch Botulinumtoxin oder kurz BoNT genannt) ist ein Sammelbegriff für mehrere neurotoxische Proteine (Nervengifte), die sehr ähnlich sind. Diese Neurotoxine werden von verschiedenen Stämmen der Bakterienspezies Clostridium botulinum, Clostridium butyricum, Clostridium baratii sowie Clostridium argentinense ausgeschieden. Die Giftwirkung der Eiweissstoffe beruht auf der Hemmung der Erregungsübertragung von Nervenzellen, was neben Störungen des vegetativen Nervensystems insbesondere Muskelschwäche bis hin zur Lähmung zur Folge haben kann. Man unterscheidet bisher die Serotypen A bis H, von denen A und B medizinisch genutzt werden. Am häufigsten kommt Botulinum-Neurotoxin Typ A (kurz: BoNT/A) zum Einsatz.

Nervenzelle_AcetylcholinWie wirkt Botulinum-Neurotoxin?
Das Botulinum-Neurotoxin (BoNT) hemmt die Erregungsübertragung von den Nervenzellen zum Muskel, wodurch die Kontraktion des Muskels – je nach Dosierung des Gifts – schwächer wird oder ganz ausfällt. Wird BoNT in einen Muskel gespritzt, so blockiert es dort die Freisetzung des Botenstoffes Acetylcholin aus der Nervenfaser. Dadurch kann der entsprechende Muskel nicht mehr wie gewohnt angespannt werden. Andere Nervenfunktionen – wie z.B. das Fühlen – werden nicht beeinflusst. Die Wirkung des injizierten BoNT tritt in der Regel nach einigen Tagen auf. In der Folge wird die krankhafte Verspannung des Muskels gelöst. Da in der Regel mehrere Muskeln an einer Bewegung beteiligt sind, führt die Behandlung des dystonen oder spastischen Muskels meist nicht zu nennenswerten Beeinträchtigungen im Alltag. Die meisten Funktionen können von den anderen (gesunden) Muskeln übernommen werden.

Wie läuft eine Behandlung mit Botulinum-Neurotoxin Typ A ab?
Die Therapie erfolgt durch lokale Injektionen von Botulinum-Neurotoxin Typ A (BoNT/A). Eine BoNT/A-Injektion beginnt in der Regel nach 3–7 Tagen zu wirken. Der Effekt hält durchschnittlich ca. 3 Monate an. Bei einigen Patienten kann die Wirkung jedoch wesentlich kürzer oder wesentlich länger anhalten. Zudem kann der Verlauf sprunghaft sein. Der injizierende Arzt wird daher versuchen, individuell die ideale Dosis und die ideale Injektionsfrequenz herauszufinden.
Der Arzt muss aus einer Vielzahl möglicher Muskeln die betroffenen Muskeln korrekt identifizieren und dann die passende Dosis BoNT/A in diese Muskeln injizieren. Das BoNT/A wird mit einer feinen Spritze direkt in die Muskeln injiziert, wo es seine Wirkung entfaltet und zur Entspannung führt. Nach einer Injektion baut sich die Wirkung langsam auf und erreicht – je nach Grunderkrankung und Dosis – nach etwa zehn Tagen ihren Höhepunkt. Die Injektion kann unter gleichzeitiger Ableitung eines Elektromyogrammes (EMG) aus dem Muskel, mittels elektrischer Stimulation des Muskels, ultraschallgesteuert oder nach anatomischer Kenntnis erfolgen. Die Dosis wird dabei individuell an die Bedürfnisse des Patienten angepasst. Oftmals wird das optimale Injektionsmuster erst nach mehreren Behandlungen gefunden. Auch wenn ein Krankheitsbild bereits mehrmals erfolgreich mit einem bestimmten Injektionsmuster behandelt wurde, kann eine Veränderung des Krankheitszustandes ein Umdenken und Umstellen der Therapie durch den Arzt erforderlich machen.

Tipps für die Zeit zwischen den Behandlungsterminen
Führen Sie ein Patiententagebuch – so kann Ihr Arzt genau sehen, wie es Ihnen zwischen den Injektionsterminen ging. Ihr Arzt kann die Therapie gegebenenfalls anpassen. Auch wann Sie welche ergänzenden Therapien gemacht haben (z.B. Physiotherapie), ist eine nützliche Information – all das können Sie dort notieren. Tagebücher gibt es in Papierform, aber auch digital: z.B. die App «mydystonia» vom europäischen Patientendachverband Dystonia Europe.

Welche unerwünschten Wirkungen können auftreten?
Üblicherweise werden unerwünschte Wirkungen innerhalb der ersten Woche nach der Behandlung beobachtet und sind vorübergehend. Unerwünschte Wirkungen können mit dem Arzneimittel, dem Injektionsverfahren oder mit beidem zusammenhängen. Wie bei jeder Injektion können im Zusammenhang mit der Injektion Schmerzen, Druckempfindlichkeit, Juckreiz, Schwellung und/oder Blutergüsse im Bereich der Injektionsstelle auftreten. Eine falsche Injektionstechnik oder eine Überdosierung können zur unbeabsichtigten Ruhigstellung benachbarter Muskeln führen. Solche Nebenwirkungen sind bei korrekter Anwendung jedoch sehr selten.

Wann sollte ich sofort den ärztlichen Notdienst kontaktieren?

  • Wenn bei Ihnen eine übermässige Muskelschwäche, Schluck-, Sprech- oder Atemstörungen auftreten
  • Wenn bei Ihnen eine allergische Reaktion auftritt; diese kann folgende Symptome verursache
  • Schwierigkeiten beim Atmen, Schlucken oder Sprechen aufgrund einer Schwellung des Gesichts, der Lippen, des Mundes- oder des Rachenraumes
  • Schwellung der Hände, der Füsse oder der Fussgelenke

Wenn Sie unter einem dieser Symptome leiden, informieren Sie bitte sofort Ihren Arzt oder wenden Sie sich an die Notaufnahme Ihres nächstgelegenen Spitals.